Udo Sierck

 

BÜCHER

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NEU

Bösewicht, Sorgenkind, Alltagsheld

120 Jahre Behindertenbilder

in der Kinder- und Jugendliteratur

                   Beltz,  Weinheim/Basel 2021

Bösewicht, Sorgenkind, Alltagsheld

120 Jahre Behindertenbilder in der Kinder- und Jugendliteratur

Beltz, Weinheim 2021

 

Erstmalig zusammenhängend werden Behindertenbilder aus Büchern, Texten und Erzählungen für Kinder und Jugendliche vom Kaiserreich bis in die Gegenwart versammelt, sozialhistorisch eingeordnet sowie Kontinuitäten und Brüche aufgezeigt.

 

Das Buch dokumentiert um die hundert historische und aktuelle Beispiele, die belegen, wie Behinderung Kindern und Jugendlichen nahegebracht wurde und Einfluss auf Denken und Handeln nahm. Vorgestellt werden literarische Klassiker, Fundstücke aus Antiquariat und Sammlungen sowie Bücher, die das Zeitalter der Inklusion repräsentieren.    

              

Presse- und Leserstimmen:

„Zum Thema Behinderung im Kinder- und Jugendbuch sind zwar eine Reihe von Publikationen erschienen, aber oft beziehen sie sich nur auf umgrenzte Zeitabschnitte und auf die Frage, wie Behinderung literarisch dargestellt wird. Eine Einordnung von 100 Dokumenten über den Zeitraum von 100 Jahren in den sozialgeschichtlichen Kontext dürfte hingegen einmalig sein.“

         - Prof. Iris Beck, Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg

 

„Ein Buch mit wie immer scharfsinnigen Kommentaren. Es ist eine sehr nützliche und auch für die Lehre hilfreiche Sammlung."

         - Prof. Thomas Hoffmann, Prof. für inklusive Pädagogik, Universität Innsbruck

 

„Gratulation!“

        - Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien

 

Sierck hat "mit seinem Buch ein Auseinandersetzungsfeld umrissen, das bisher in der Behindertenszene unterrepräsentiert ist und wesentlich mehr Beachtung finden muss."

        - Volker van der Locht, in: newsletter Behindertenpolitik, März 2021

Macht und Gewalt

Tabuisierte Realitäten in der Behindertenhilfe

                   Beltz,  Weinheim/Basel 2019

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Aus dem Vorwort:

 

Es hat mehr als dreißig Jahre gedauert, bis die umfassende Aufarbeitung der Verbrechen an behinderten und kranken Menschen während des nationalsozialistischen Regimes begann und zumindest in interessierten Kreisen zur Kenntnis genommen wurde. Die Dokumentation von Erniedrigung und  entwürdigenden Zuständen in Institutionen der Fürsorge von 1945 bis 1975 hat wiederum Jahrzehnte gebraucht und begann erst vor wenigen Jahren. So begrüßenswert diese Initiativen sind, sie intendieren einen Schlussstrich-Charakter, als seien spätestens mit der Ratifizierung der international verpflichtenden Behindertenrechtskonvention Menschenrechtsverletzungen ein Relikt der Vergangenheit. Allerdings hat der UN-Ausschuss, der die Umsetzung dieser Konvention prüft, Deutschland im Jahr 2016 wegen mangelnder Maßnahmen zum Schutz behinderter Menschen vor Gewalt gerügt. Diese Kritik ist ein Hinweis auf tabuisierte, verdrängte Realitäten in der Behindertenhilfe.

Mit ‚Behindertenhilfe‘ ist mehr gemeint als das Netz der Institutionen, Behörden, Ämter. Im Fokus sind auch Alltagssituationen der Unterstützung. Gewalt gegen behinderte Menschen äußert sich in gesellschaftlichen Verhältnissen, in institutionellen Vorgaben und Zwängen sowie in individuellen 

Mit ‚Behindertenhilfe‘ ist mehr gemeint als das Netz der Institutionen, Behörden, Ämter. Im Fokus sind auch Alltagssituationen der Unterstützung. Gewalt gegen behinderte Menschen äußert sich in gesellschaftlichen Verhältnissen, in institutionellen Vorgaben und Zwängen sowie in individuellen Motiven und Handlungen. Beteiligt sind Fachleute aus Medizin, Pädagogik, Psychologie oder sozialer Arbeit. Zum Thema gehören Sprache, Blicke, Normvorstellungen, Denkmuster und (Geistes-) Haltungen. Die gegenwärtig beliebte Floskel ‚Wir agieren auf Augenhöhe‘ entlarvt sich bei genauer Betrachtung als Verschleierung herkömmlicher Machtverhältnisse.                               

Widerspenstig, eigensinnig, unbequem
Die unbekannte Geschichte behinderter Menschen
Beltz, Weinheim/Basel 2017
und
Lizenzausgabe Bundeszentrale für
politische Bildung, Bonn 2018

Die Pianistin Clara Haskil erkannte in den Musikkritikern, die sich über ihre schiefe Gestalt ausließen, einen „Haufen Schwachköpfe“. Der als verrückt verspottete Künstler Ferdinand Cheval schrieb, um „ans Ziel zu kommen, muss man starrköpfig sein.“ Die fast gehörlose Autorin Eugene Merlitt wies einen enttäuschten Verehrer zurecht, er könne ihr alles nehmen, aber nicht ihren Stolz. Der gelähmte Schriftsteller Fredi Saal fragte verwundert: Warum sollte ich jemand anders sein wollen? Diese Auflistung ließe sich fortsetzen. Erwähnung finden behinderte Frauen und Männer, die eigensinnig ihre Ziele verfolgten. Manche sind vergessen oder unbekannt geblieben, aber alle widersprechen dem historisch gewachsenen und präsenten Bild von dem behinderten Menschen als ‚ewiges Opfer‘ der jeweiligen Zustände.   
Der Blick des Autors richtet sich auf das widerspenstige und eigensinnige als positives Merkmal behinderter Menschen. In historisch-kulturellen Bezügen werden die Themen Rehabilitation, Kunst und Wahnsinn, Sexualität und Dankbarkeit gestreift. In der Reflexion über ‚das Opfer‘ wird das Opfer-Sein nicht bestritten, aber auch auf die Bequemlichkeit dieser Rolle verwiesen. 
Zwanzig kurze Biografien porträtieren behinderte Frauen und Männer vom Mittelalter bis in die Gegenwart mit unterschiedlichen körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen – wobei manche diese als eine solche nicht benannt haben. Was die Vorgestellten in ihrer Unterschiedlichkeit eint, ist ihre Beharrlichkeit und Sturheit, ihr Wagemut sowie oftmals ihr Humor. 
Das Buch stellt zum ersten Mal die historische und bis heute wirkende Opferrolle behinderter Menschen ‚auf den Kopf‘. 


Udo Sierck / Nati Radtke
Dilemma Dankbarkeit
AG Spak, Neu-Ulm 2015

Im Gespräch mit der Zeitschrift ‚Menschen‘ erklärt Udo Sierck, wie Dank ohne Demut gelingen kann und warum es manchmal wichtig ist, undankbar für das Erreichte zu sein:


Worin besteht für Sie das Dilemma der Dankbarkeit?
 


Ich will ein Beispiel nennen: Wenn meinem Zwillingsbruder jemand ungefragt von hinten unter die Arme greift, gilt das als unverschämte Annäherung, die eine unwirsche Zurückweisung rechtfertigt. Sobald bei mir jemand so übergriffig wird, gilt das als gutgemeinte Geste, für die ich mich bedanken soll. Die Erwartung der Dankbarkeit zwingt behinderte Menschen in eine Sonderrolle. Das Dilemma in dieser Situation ist: Wenn ich mich bedanke, bestätige ich diesen erniedrigen Status. Spiele ich diese Rolle nicht mit, gelte ich schnell als unhöflicher Geselle.


Was macht Dankbarkeit mit den Menschen?


Nach meiner Beobachtung – nicht nur in Kreisen der Behindertenpolitik – kann Dankbarkeit dazu führen, dass jemand seine tatsächlichen Bedürfnisse zurückstellt, um seinen Gönner zu gefallen. Friedrich Nietzsche hat das sinngemäß so formuliert, dass manche das Seil der Dankbarkeit so eng um ihren Hals ziehen, bis es sie selbst erdrosselt. Die Erziehung zur Dankbarkeit führt zu einem Verhalten der Loyalität gegenüber der Autorität, das jede Ungerechtigkeit und jeden Übergriff hinnimmt. Im Verhältnis zwischen Helfenden und Hilfsbedürftigen birgt das eine
 

noch immer zu wenig beachtete Brisanz.


Gibt es für sie eine Form der Dankbarkeit, die nicht in Demut und Unterwerfung mündet? Wie kann eine Haltung der „stolzen Dankbarkeit“ gelingen?

Ich denke, dass die Perspektive der „stolzen Dankbarkeit“ nur mit Ehrlichkeit auf beiden Seiten der Handelnden zu erreichen ist. Der behinderten Person muss bewusst sein, dass sie ein Recht auf Unterstützung hat, deshalb nicht in die Demutshaltung verfällt und dabei die Unterstützer nicht als Handlanger betrachtet und behandelt. Andererseits sollten die Assistierenden keinen ‚Heiligenschein‘ erwarten, sondern ihre Arbeit als wichtige Dienstleistung verstehen. Das bietet die Chance, dass Dankbarkeit kein Machtverhältnis beinhalten muss. In dieser Situation wäre ein „Danke!“ von der Demutsgeste befreit.
 

Warum haben Sie dieses Buch jetzt geschrieben, Herr Sierck? Die kritische Auseinandersetzung der politischen Behindertenbewegung mit der Dankbarkeitsfalle begann in 1970er Jahren. Hat sich seither nichts getan? Weshalb ist das Thema heute noch oder wieder aktuell?
 
Ich höre in den letzten Jahren wieder häufiger die Aussage: Sei dankbar für das, was sich alles schon verändert hat, die behinderten Menschen sollten nicht zu viel verlangen, jetzt gibt es die UN-Behindertenrechtskonvention, nun muss auch mal Schluss sein mit Forderungen. Mein Eindruck ist, dass dieser Appell bei der Mehrheit der behinderten Personen verfängt.
 

Wie weit ist Ihrer Ansicht nach in Deutschland das Bewusstsein dafür geschaffen, dass die UN-Behindertenrechtskonvention Menschenrechte formuliert, deren Einhaltung eine Selbstverständlichkeit ist und nicht zu Dank verpflichtet?
 
Behinderung und Dankbarkeit wird noch immer zusammen gedacht und in etlichen Berichten über Inklusionsprojekte auch formuliert. Ich gebe zu, positive Veränderungen dauern mir zu lange. Im Rückblick auf die letzten vierzig Jahre ist aber festzuhalten, dass ein langsamer Prozess stattfindet, der Menschen mit Behinderung als Gegenüber akzeptiert. Da solche Entwicklungen niemals in einer geraden Linie verlaufen, braucht es behinderte Frauen und Männer, die das Bewusstsein der Bevölkerung weiter bearbeiten − also undankbar für das Erreichte sind.
 

Ist die Dankeserwartung an Unterstützungsempfänger in Deutschland besonders stark oder erleben Sie sie in anderen Ländern genauso?
 
Nach meiner Einschätzung gibt es Unterschiede. Diese sind verknüpft mit den historischen Bedingungen des Umganges mit behinderten Menschen. Dort, wo die Ideen der Normalisierung und Integration bereits griffen, als in Deutschland noch das Heil in lebensbegleitenden Sondereinrichtungen gesucht wurde, ist das Alltagsklima für behinderte Menschen entspannter. Entsprechend geringer sind die Dankbarkeitserwartungen. Darüber hinaus scheint mir in Deutschland der Gedanke besonders stark ausgeprägt: Wer nimmt oder bekommt, muss auch geben. Und wenn behinderte Personen nichts geben können, sollen sie wenigstens mit Dankbarkeit aufwarten.
 

In Ihrem Buch kritisieren Sie die Tendenz von Lebens-Ratgebern, durch Dankbarkeit und Zufriedenheit mit dem was man hat die eigene Ausgeglichenheit zu stärken. Was ist so falsch an dieser Einstellung?
 
Viele Bundesbürger fühlen sich mit wachsenden sozialen und beruflichen Anforderungen konfrontiert und zweifeln, diese erfüllen zu können. In dieser Situation wird nach Ratgebern gesucht, um diesen Ängsten zu begegnen. Die Suche nach dem Selbst beginnt, als ein Mittel gilt die Orientierung zur Dankbarkeit. Die Versuche zur Optimierung des Ichs rücken in den Mittelpunkt, die Lebensverhältnisse bleiben außen vor. Bei dieser Tendenz zur Individualisierung bleibt letztlich die soziale Verantwortung auf der Strecke.

Budenzauber Inklusion
Mit farbigen Illustrationen von Nati Radtke
AG Spak, Neu-Ulm 2013


(…) Die Ignoranz gegenüber den Zuständen in Heimen ergänzt sich mit beunruhigenden Zeichen einer Bereitschaft zur Abwertung von Behinderten, Obdachlosen, Bettlern: Fast ein Drittel der Deutschen stimmte in einer Untersuchung unter der Leitung Wilhelm Heitmeyers an der Universität Bielefeld tendenziell der Aussage zu, dass die Gesellschaft sich Menschen, die wenig nützlich sind, nicht mehr leisten kann. Und der Vorgabe ‘Für Behinderte wird in Deutschland zu viel Aufwand betrieben’ stimmten 2011 immerhin 7,7 Prozent der Befragten zu, die Aussage ‘Viele Forderungen der Behinderten finde ich überzogen’ fanden 11,3 Prozent der Interviewten richtig. (…)

 


Attraktives Aussehen von Frauen und Männern wird immer mehr zu einem wichtigen Faktor für das Erreichen von privaten Zielen und gesellschaftlich anerkannten Positionen. Inklusion hin oder her.
„Stell Dir vor, es ist Inklusion und niemand ist mehr da!“ – dieser Satz ist mit Blick auf die ‚Eugenik von unten’ so unsinnig nicht: Immerhin neun von zehn Frauen entscheiden sich inzwischen bei der Diagnose ‚Trisomie 21’ zum Schwangerschaftsabbruch. (…)


 

Udo Sierck / Christian Mürner:
Behinderung.

Chronik eines Jahrhunderts
Beltz, Weinheim/Basel 2012
und
Bundeszentrale für politische Bildung,
Lizenzausgabe, Bonn 2013

(…) Als Resultat mussten im 19.Jahrhundert die Menschen mit Besonderheiten zwei Varianten des Umgangs ertragen: Die Humanwissenschaften begannen, sie dem öffentlichen Raum zu entziehen und sie in ihre Körperteile zu fragmentieren und zu vermessen, die Befunde aufzuzeichnen und zu interpretieren. Die Körper wurden zu Objekten der Wissenschaft. Die Darstellungen in fachlichen Abhandlungen dienten als Beleg für die Vorstellung von ‚dem Anderen’. Gleichzeitig erblühten die Freakshows und Kolonialausstellungen in europäischen und nordamerikanischen Städten als profitorientierte Massenunterhaltung. Stammberger verweist hier auf die rassistische Komponente, denn mit der kolonialen Eroberung wurden auch Angehörige fremder Völker mit ungewöhnlichem Aussehen als Trophäen präsentiert. Und es gab die Variante des Geschlechts: So wurden präparierte Geschlechtsteile von weiblichen Freaks gefunden, während es diesbezüglich keine männlichen Fundstücke gab. (…)

Udo Sierck / Christian Mürner (Hg.):
Behinderte Identität ?
AG Spak, Neu−Ulm 2011

(…) Eine Frau aus der Hamburger Frauenkrüppelgruppe hatte eine zeitlang auf der Rückseite ihres Rollstuhls ein selbst angefertigtes Schild befestigt. In großen Buchstaben stand dort zu lesen: “Glotz nicht so !!” Das war amüsant, denn alle, die sich neugierig nach ihr umdrehten, fühlten sich unangenehm ertappt. Und: Die Rollstuhlfahrerin war nicht mehr Objekt, sondern die Handelnde. “Blicke können verschiedene Qualitäten haben. Blicke können bewertend sein oder erniedrigend. Blicke können vergewissern oder abweisen. Blicke können Liebe zeigen, aber auch vernichten.”  


Friedrich Nietsche hat einen sich schämenden Menschen als “geblendet von einem großen Auge, das von allen Seiten auf uns und durch uns blickt” beschrieben. Dieses beklemmende Gefühl erinnert mich an Situationen im Wartezimmer oder in engen Abteilen der Bundesbahn: Um die Langeweile zu vertreiben und auf der Suche nach Abwechslung beginnen die Blicke der Wartenden und Reisenden zu wandern und bleiben auf mir haften. Manchmal nur aus den Augenwinkeln (wegen dem schlechten Gewissen), manchmal regungslos geradeaus (ganz ohne Gewissen) − Blicke, die etwas Exotisches entdeckt haben und durchdringen wollen. Selbstbestimmung heißt für mich an dieser Stelle, nach Wegen zu suchen, solchen Begutachtungen zu entgehen, ohne zurück zu stecken. (…)

Udo Sierck / Christian Mürner:
Krüppel-Zeitung.

Brisanz der Behindertenbewegung,
AG Spak, Neu−Ulm 2009

(…) Immer wieder werden wir danach gefragt, warum wir uns als Krüppel bezeichnen bzw. warum wir unsere Zeitung ‚Krüppelzeitung’ nennen. Der Begriff Behinderung verschleiert für uns die wahren gesellschaftlichen Zustände, während der Name Krüppel die Distanz zwischen uns und den so genannten Nichtbehinderten klarer aufzeigt. Durch die Aussonderung in Heime, Sonderschulen oder Rehabilitations-Zentren werden wir möglichst unmündig und isoliert gehalten. Andererseits zerstört die Überbehütung im Elternhaus jede Möglichkeit unserer Selbstentfaltung. Daraus geht klar hervor, dass wir nicht nur behindert (wie z.B. durch Bordsteinkanten), sondern systematisch zerstört werden. Ehrlicher erscheint uns daher der Begriff Krüppel, hinter den sich die Nichtbehinderten mit ihrer Scheinintegration (‚Behinderte sind ja auch Menschen’) nicht so gut verstecken können. (…)

Die erste „Krüppelzeitung“ erschien 1979, bis 1985 wurden genau 14 Nummern veröffentlicht. Die Ausgaben der „Krüppelzeitung“ bilden eine einzigartige Quelle und eine vielfältige Fundgrube. Sie dokumentieren die Brisanz der Behindertenbewegung, kennzeichnen deren Geschichte genauso wie die Bedeutsamkeit für die Gegenwart.

Udo Sierck, Adelheid Schmitz, Christian Mürner (Hg.):
Schöne heile Welt ? 
Biomedizin und Normierung des Menschen,
Assoziation, Hamburg/Berlin 2000

‚Normalisierung’ von rechts.
Biopolitik und ‚Neue Rechte’

Assoziation, Hamburg 1995

Udo Sierck / Didi Danquart (Hg.):
Der Pannwitzblick.
Wie Gewalt gegen Behinderte entsteht,
Assoziation, Hamburg 1993

(…) In diesen Zusammenhang gehört die Beschreibung von Primo Levi, wie er als Häftling im Konzentrationslager Auschwitz dem Dr.Pannwitz gegenüber treten musste: “Pannwitz ist hochgewachsen, mager und blond; er hat Augen, Haare und Nase, wie alle Deutschen sie haben müssen, und er thront fürchterlich hinter einem wuchtigen Schreibtisch (…)

Wie er mit Schreiben fertig ist, hebt er die Augen und sieht mich an. Von Stund an habe ich oft und unter verschiedenen Aspekten an diesen Doktor Pannwitz denken müssen. (…) Der jene blauen Augen und gepflegten Hände beherrschende Verstand sprach: ‚Dieses Dingsda vor mir gehört einer Spezies an, die auszurotten selbstverständlich zweckmäßig ist. In diesem besonderen Fall gilt es festzustellen, ob nicht ein verwertbarer Faktor in ihm vorhanden ist.’ ” 
 
Jenseits der Vergleichbarkeit mit der existenziell bedrohlichen Situation für Primo Levi kommt dessen Beschreibung des selektierenden Blickes mir fast unheimlich bekannt vor. Sie erinnert an die Begutachtungen beim Amtsarzt, Musterungen aus blauen Augen, die den Körper zerlegen in brauchbare und in unbrauchbare Teile, Blicke, die das Puzzle teilnahmslos betrachten und abschließend bewertend beziffern: 100 Prozent behindert.

Arbeit ist die beste Medizin
Zur Geschichte der Rehabilitationspolitik,
Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1992

Udo Sierck, Theo Bruns, Ulla Penselin (Hg.):
Tödliche Ethik.
Beiträge gegen Eugenik und ‚Euthanasie’,
Assoziation, Hamburg 1990


 

Das Risiko nichtbehinderte Eltern zu bekommen
AG Spak, München 1989


 Hg.: Projektgruppe für die vergessenen Opfer des NS-Regimes in Hamburg,
Verachtet − verfolgt − vernichtet
Zu den ‚vergessenen’ Opfern des NS−Regimes.

VSA, Hamburg 1986
 


1995 − Ende der Pflegeheime.
Zum Bundespflegegesetz der Grünen.
Zusammenstellung: Udo Sierck, Bonn 1985

 


Udo Sierck / Nati Radtke:
Die Wohltäter-Mafia
Vom Erbgesundheitsgericht zur humangenetischen Beratung,

Selbstverlag, Hamburg 1984 und Mabuse-Verlag, Frankfurt a.M. 1987
 

Udo Sierck / Michael Wunder (Hg.):
Sie nennen es Fürsorge
Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand,

Verlag Gesundheit, Berlin 1982

Aufsätze

Aktuelle Aufsätze:

 

Von Bösewichten, Sorgenkindern und Alltagshelden. In: Menschen. Nr.2/2021 

 

Wider das einseitige Opferbild. In: Oliver Musenberg u.a. (Hg.): Historische Bildung inklusiv. Zur Rekonstruktion, Vermittlung und Aneignung vielfältiger Vergangenheiten, Bielefeld 2021

Hilfe! Die Helfer kommen! In: HEP-Informationen Nr.4/2020

 

Gramscis Buckel. In: junge Welt, 2.September 2020

 

Macht und Gewalt. In: Menschen. Nr.3/2020

 

Der eigene Körper und der fremde Blick. In: Menschen. Nr.1/2020

 

Neuer Name, altes Spiel. In: T.Hoffmann/W.Jantzen/U.Stinkes(Hg.): Empowerment und Exklusion,

                                              Gießen 2018

Bauern, Hühner, Behinderte


Es heißt, die Bewohner zwischen Nord- und Ostsee seien die glücklichsten Bundesbürger. Viel Aufhebens macht davon niemand, lange Reden sind ohnehin nicht verbreitet: Das leichte Anheben einer Hand (wahlweise des Zeigefingers) gilt im Dorf als freundlicher Gruß, das rund um die Uhr übliche ‚Moin, Moin‘ ersetzt viele Worte. Und wer tatsächlich mal drei Sätze fallenlässt, wundert sich nicht, wenn nach einer Minute stillen Sinnierens die Angesprochenen mit der gängigen Bemerkung „Ja, so ist das!“ antworten.
Die sympathische Wortkargheit kann zu falschen Schlüssen führen: Die Nichtbeachtung des Bauern, der meine Nachfragen konsequent ignorierte, deutete ich als das bekannte diskriminierende Verhalten jener, die noch nie einem Spastiker begegnet sind. Erst später bemerkte ich, dass der Mann schwerhörig war und diese Einschränkung nicht zugeben mochte.

 

weiterlesen im Magazin 'Menschen',

                    Aktion Mensch (Hg.):

                    Nr. 2, Dezember 2017

Von Insel zu Insel

Auf dem ‚Zukunftskongress 2025‘ zur Perspektive der Inklusion wurde ein Forum von der Moderatorin mit der Aufforderung eröffnet: „Alle, die eine Brille tragen, gehen auf die linke Seite, die anderen bitte nach rechts.“ Gefolgt von der Ansage: „Alle, die schnarchen, bitte nach links, die übrigen bleiben stehen.“ Und so weiter. Als ob das Tragen von Sehhilfen oder die Tonlage des Schnaufens zentrale Probleme der Inklusion seien. Dass solche launigen Spielchen eine unzulässige Verharmlosung von real existierenden Erfahrungen und Erkenntnissen beinhalten, hat die politische Behindertenbewegung schon vor vierzig Jahren kritisiert. Dies haben selbst einige professionell Tätige verstanden, aber es scheint, als ob nachhaltige Lernerfolge sehr lange Zeit brauchen. Ein Beleg dafür, dass das Ideal einer inklusiven Gesellschaft in den Bereich der Utopie zu verorten ist, auf dem Weg dorthin aber ermutigende Inseln entstehen können.  

weiterlesen in ‚bbz‘ – berliner bildungszeitschrift, September 2017
 

Schmetterlinge im Bauch
Sexualität von behinderten Männern

Zusammenfassung. Vor vierzig Jahren zerbrachen sich Fachleute aus Pädagogik, Medizin oder Theologie den Kopf darüber, ob behinderte Menschen Sexualität besitzen und wie diese gegebenenfalls kontrolliert werden könne. Auch in der Gegenwart ist das Thema noch längst nicht enttabuisiert. Dabei müssen behinderte Männer und Frauen sich mit Körperidealen auseinandersetzen, die nicht die ihren sind. Sie werden entsprechend ‚auf den ersten Blick‘ nicht als Liebhaber und Sexualpartner gesehen. Abhängigkeiten von Pflege und Assistenz schaffen eine emotionale und körperliche Nähe, die die Gefahr fehlender Distanz bis hin zum sexuellen Missbrauch mit sich bringt. Die Ansätze, durch Beratung und praktische Lösungen das Thema Sexualität und Behinderung nicht als Problemfall zu betrachten, führen noch ein Schattendasein. (…) 

Rückblick. Der renommierte Behindertenpädagoge Professor Dr. Heinz Bach wusste vor gut vierzig Jahren Rat, wenn sich bei behinderten Menschen die Sexualität regen sollte: Diese „Triebschübe“ sollten durch Gebete, Gedichte und Lieder vertrieben werden. Dabei musste das Gebet „inbrünstig und wiederholbar, das Gedicht lang genug und die Melodie in Dur gesetzt und fortissimo gesungen sein, damit lange und laut das ‚Besetztzeichen‘ ertönen kann, wenn der Triebschub sich in die Leitung drängen will.“ Eltern sollten Umarmungen wegen der „sinnlichen Tönung“ unterlassen, Anerkennung und Zuneigung könne ebenso durch aufmunterndes Augenzwinkern ausgedrückt werden.

weiterlesen in  Stiftung Männergesundheit (Hg.): Sexualität von Männern.

                        3.Männergesundheitsbericht, Gießen 2017
 

 

 

Die Ratifizierung der UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen hat quer durch die politischen Parteien und bei den Behindertenverbänden euphorische Reaktionen ausgelöst. Manche sahen darin einen „großen Wurf“ oder gar einen „revolutionären Schub“. Nur selten sind die Versuche, die Perspektiven der Inklusion, also der vorbehaltlosen Zugehörigkeit und gleichberechtigten Teilhabe aller behinderten Personen in der Gesellschaft, in den Kontext realer Sozial- und Wirtschaftspolitik zu stellen. 


Weitere Aufsätze:

Widerspenstig. In: Oliver Musenberg (Hg.), Kultur – Geschichte – Behinderung, Athena Verlag 2017

 

Jedem Krüppel seinen Knüppel. In: ak – analyse & kritik, Nr. 621, 2016

 

„Müssen wir dieses Elend sehen?“ In: Behindertenpädagogik, Nr.4, 2016

Irritiertes Schweigen. In: Gen-ethischer Informationsdienst, Nr.235, 2016

Vom Monströsen zum Menschenrecht / zusammen mit Christian Mürner.
   In: Der Bürger im Staat, Nr.1, 2016

 


 

Weiter zur Aufsatzsammlung:

BIOGRAFIE

udosierck, aktiv in der emanzipatorischen Behindertenpolitik.


In Hamburg 1956 geboren, blieb die Stadt über Jahrzehnte mein Lebensmittelpunkt. Nach einigen Jahren in der Sonderschule und Abitur als ‚Musterbehinderter‘ habe ich Bibliothekswesen studiert, dann als Diplom-Bibliothekar Ethnologie, Mittlere und Neue Geschichte sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.  Spannender und wichtiger fand und finde ich seit gut vierzig Jahren den alltäglichen Kampf behinderter Menschen um Emanzipation und Selbstbestimmung als einen langen Prozess, dessen Basis die ständige Auseinandersetzung mit dem Normalitätsdenken ist. Und dabei über den Tellerrand ‚Behinderung‘ hinauszublicken. In diesem Sinne publiziere ich seit vielen Jahren Bücher und Fachartikel und versuche in Vorträgen und Seminaren, die Denkmuster über ‚die Behinderten‘ aus dieser Welt zu schaffen.   
 

 
 
 

Termine 2021

7./8.

Mai

Seminar ‚Selbstbestimmung und Machtstrukturen‘

Kath. Hochschule Münster

11./12.

Juni

Seminar ‚Peer Counceling' A

Ev. Hochschule Darmstadt

18./19.

 

Seminar ‚Peer Counceling'  B

Ev. Hochschule Darmstadt

Juni

30./01.

Juni/Juli

 

Seminar ‚Selbstbestimmung‘

Seminar ‚Bioethik‘

Ev. Hochschule Darmstadt

KONTAKT

Autor, Behindertenpolitik

Udo Sierck
Dozent, Publizist

Dorfstr. 51
24622 Gnutz


Tel. 04392-1382
E-mail:
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